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Der Rotbraune Fruchtstecher – ein Problem im Apfelanbau?

Der Rotbraune Fruchtstecher – ein Problem im Apfelanbau?

In Brandenburg werden auf rund 900 Hektar Äpfel angebaut. Während der Vegetationsperiode sind, unabhängig von der Bewirtschaftungsform, diverse Rüsselkäferarten in Baumobstkulturen anzutreffen.In den letzten Jahren wurden in IP-Anlagen, aber zunehmend auch in Öko-Apfelanlagen, verschiedene Fraßschäden an Blüten und Früchten festgestellt. Einige konnten dem versteckt agierenden Rotbraunen Fruchtstecher (Rhynchites aequatus Synonym: Coenorhinus aequatus; Synonym: Coenorhinus ruber) zugeordnet werden. Heimisch ist dieser Rüsselkäfer in fast ganz Europa und auch in Brandenburg ist er nicht selten.  Er kann an Apfel, Birne, Pflaume sowie Weißdorn vorkommen, wurde aber auch schon in Kulturen mit geringem Anbauumfang wie Aronia gefunden.
Wurde R. aequatus in manchen Jahren als Schaderreger im Obstbau kaum wahrgenommen, gab es auch Jahre, wo er standardmäßig reguliert werden musste. Durch den Klimawandel und Wegfall wichtiger insektizider Wirkstoffgruppen könnte der Rotbraune Fruchtstecher wieder an Bedeutung gewinnen.
 

Beschreibung

Der Rotbraune Fruchtstecher ist ein 4-6 mm langer und mit rotbraunen Flügeldecken besetzter Rüsselkäfer. Sein Kopf erscheint mit einem auffälligen Rüssel stark verlängert. Erste Käfer werden Anfang bis Mitte April ab BBCH 55 aktiv und sind dann häufiger im Mai zu entdecken. Sie fressen an Knospen, Blüten, sich entwickelnden Blättern und später an Früchten vieler Rosengewächse (Rosaceae). Die Fraßperiode kann sich bis weit in den Juni erstrecken.

Die Paarung ist meist ab BBCH 62 bei milder Witterung zu beobachten. Weibchen legen ihre Eier ca. 2 Wochen nach der Blüte in die sich entwickelnde Frucht ab. Zumeist wird 1 Ei unter die Epidermis abgelegt, laut Literatur ist aber auch eine Mehrfachbelegung möglich. Bis zu 20 Eier können von einem Individuum gelegt werden. Das Weibchen frisst den Stiel an, so dass die Frucht vertrocknet oder sich nicht weiterentwickelt. Nach weiteren zwei Wochen beginnt der Schlupf, woraufhin die Larve 5 - 10 Wochen innerhalb der Frucht frisst. Während des Sommers fällt die Frucht auf den Boden und die voll entwickelte Larve gräbt sich einige Zentimeter in den Boden ein. Nicht alle Larven überleben den Sommer. Bei Versuchen in Güterfelde, Kreis Potsdam-Mittelmark, wurden in größeren mumifizierten Früchten insg. 27,7 % tote Larven gefunden. Bei kleineren mumifizierten Früchten wurde eine Larvenmortalität von insg. 44,4 % beobachtet.

Bislang ist nicht gesichert, ob R. aequatus einen ein - oder zweijährigen Generationszyklus durchläuft, denn dazu existieren unterschiedliche Literaturangaben. Es wird berichtet, dass sich die Larven im Boden verpuppen und dort anschließend den Winter über als adulte Käfer überdauern. Der Schlupf des Käfers findet im darauffolgendem Frühjahr statt. Aus anderer Quelle geht hervor, dass die Larven zu Boden fallen, sich erst im darauffolgenden Frühjahr verpuppen und später im Jahr als Adulte auftreten. 

Bedeutung / Schaden:
Günstig für die Aktivität von R. aequatus ist eine windstille und warme Witterung, bei welcher sie leicht auffliegen und sich verteilen können. Beim Reifungsfraß an den Blüten zeigt sich ein Anstich in der Mitte des Fruchtknotens genau zum Kernhaus hin. Während der Fraß an Blättern und Blüten noch bedeutungslos sein kann, entstehen an Früchten bereits stärkere Schäden. Die von adulten Käfern verursachten Fraßlöcher führen zur Verformung und Austrocknung der Früchte. Die Käfer stechen zahlreiche Jungfrüchte auch mehrmals an. Typisch sind vernarbte kraterähnliche Löcher in der Frucht. Junge Früchte, welche am Stiel angefressen wurden, können vorzeitig abfallen oder lange Zeit auf dem Baum bleiben und nur sehr verzögert wachsen, braun werden und austrocknen. Am Baum hängende Früchte sind danach anfälliger für pilzliche Infektionen wie beispielsweise Monillia.
Die Fruchtschädigung kann bis zu 5 Wochen andauern, wodurch abhängig vom Fruchtansatz ein sehr hoher Verlust an Tafelware entstehen kann. Obwohl erste Käfer im Jahr noch unterhalb der Schadschwelle auftreten können, sind aufgrund der langen Fraßperiode im weiteren Verlauf des Frühjahrs dennoch hohe Qualitätseinbußen möglich. In IP-Anlagen wurde der Rotbraune Fruchtstecher in den letzten Jahren seltener als Schaderreger wahrgenommen als in ökologisch produzierenden Betrieben. In 2020 wurden in Öko-Apfelanlagen Blüten- und Fruchtschäden bis zu 50 % registriert. Möglicherweise war die Wintermortalität im milden Winter 2019/20 sehr gering und dafür als ursächlich anzusehen. In unbehandelten Beständen kann von einem Populationsaufbau der letzten Jahre ausgegangen werden.

 

Überwachung und Gegenmaßnahmen

Eine Bekämpfung des Rotbraunen Fruchtstechers ist aufgrund seiner versteckten Lebensweise schwierig. Oft hat der Käfer jahrelang Zeit, eine hohe Populationsdichte aufzubauen, bevor er bemerkt wird und dann nur schwer wieder dezimiert werden kann. Insbesondere für den ökologischen Obstbau stellt sich damit dringend die Frage nach der Überwachung und Regulierung. Hier ist es wichtig, R. aequatus in ein Monitoring aufzunehmen, um frühzeitig die Individuenanzahl zu bestimmen, eine Schädigung zu erkennen und gegebenenfalls rechtzeitig entgegenzuwirken. Der Rotbraune Fruchtstechermuss vom Stadium „Grüne Knospe“ bis Haselnussgröße beobachtet werden. Der Käfer lässt sich bei Gefahr schnell fallen und ist somit schwer zu bonitieren. An windstillen Tagen über 10 °C können mittels Klopfproben Käfer gefangen werden. Dabei gelten 3-5 Käfer auf 50 Doppelschläge oder bis 3 % geschädigter Jungfrüchte als Richtwert für die Schadschwelle insbesondere, wenn von einem geringen Fruchtansatz ausgegangen werden muss. Für den IP-Anbau steht das bislang nutzbare PSM Calypso (Thiacloprid) in der Saison 2021 nicht mehr zur Verfügung. Von einer Nebenwirkung kann bei Einsatz von Mospilan SG (Acetamiprid) ausgegangen werden. Auch mit der eventuell über eine Notfallzulassung erneut für 2021 bestehende Anwendungsmöglichkeit von Exirel (Cyantraniliprole) gegen Apfelblütenstecher kann bei Anwendung im Vorblütezeitraum eine Nebenwirkung gegen den Rotbraunen Fruchtstecher erwartet werden.

Für den ökologischen Anbau war in 2020 über eine Notfallzulassung nach § 53 Spruzit Neu (Rapsöl + Pyrethrine) gegen den Apfelblütenstecher zugelassen. In Kombination hatten diese Wirkstoffe bei Versuchen im Apfelanbau eine gute Nebenwirkung auf R. aequatus. Dabei war die Variante mit jeweils zwei Behandlungen nach der Blüte am wirkungsvollsten (8). Bei zu erwartender starker Blütenschädigung durch Fraß muss aber über eine Bekämpfung bereits im Vorblütestadium bis Ballonstadium entschieden werden. Generell ist zu beachten, dass bei Regulierungsmaßnahmen die Käfer möglichst direkt in Kontakt mit den PSM kommen sollten, d.h. Behandlungen zu Zeiten stattfinden, wo die Käfer auch aktiv in den Bäumen anzutreffen sind.

Natürliche Gegenspieler

Aus Erhebungen in Mandelplantagen in der Türkei sind Erzwespen bekannt, welche einen Parasitierungsgrad von 22 % erreichen konnten. Dies reichte jedoch nicht aus, um die Schädigung unterhalb der Schadschwelle zu senken. Es ist wahrscheinlich, dass auch in Brandenburg Nützlinge existieren, welche die Population beeinflussen können. Erhebungen des Brandenburger Pflanzenschutzdienstes zum Auftreten von Parasitoiden des verwandten Apfelblütenstechers zeigen allerdings ebenso, dass das Auftreten der natürlichen Gegenspieler sehr divers ist und wenig zur Populationsregulierung beiträgt. Welche Parasitoide den Rotbraunen Fruchtstecher befallen und ob diese eventuell förderbar sind, kann Gegenstand weiterer Untersuchung im Sinne einer integrierten Produktion sein. 


Tobias Oergel/ LELF-Pflanzenschutzdienst