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Zunahme von Wanzen im Gemüsebau als Folge des Klimawandels

Bereits seit 2001 wird das Auftreten pflanzenschädigender Wanzen im Brandenburger Gurkenanbau mit zunehmender Tendenz registriert. Innerhalb der Insektensystematik gehören die Wanzen zur Ordnung der Schnabelkerfe (Hemiptera) und unterteilen sich in sieben Teilordnungen. Pflanzenschädigende Arten sind vor allem in den Familien der Weichwanzen (Miridae), auch als Blindwanzen bezeichnet, sowie der Baumwanzen (Pentatomomorpha) vertreten. Aber auch räuberisch lebende Wanzen Arten aus der Familie der Blumenwanzen (Anthocoridae) sind bekannt und werden im biologischen Pflanzenschutz gezielt genutzt.

Die meisten Arten der Familie der Weichwanzen leben mono- oder oligopharg, viele aber auch polyphag und sind bei der Auswahl ihrer pflanzlichen Nahrung nicht wählerisch. So schädigen sie an Obst, Gemüse und Gehölzen. Im Gemüse werden weichschalige und besonders saftige Gemüsesorten, wie Gurken, Tomaten und Paprika, von den Wanzen bevorzugt. In Brandenburger Gemüsebaubetrieben musste im letzten Jahr ein Schaden von bis zu 30% an Gurkenfrüchten im Folientunnel im Ökolandbau verzeichnet werden. Der Schaden im Freilandanbau von Gurken war örtlich ähnlich hoch. In einem Gewächshaus-Paprikabestand waren 5% Ernteverluste, trotz rechtzeitiger Behandlung, zu verzeichnen. Im selben Jahr verursachten Wanzen in einer drei Jahre alten Spargelsämlingsanlage bis zu 100% Schaden.
In der Gurke entsteht der Schaden durch das Anstechen des terminalen Triebes, junger Blätter oder aber der Früchte. Die Triebspitzen und jüngste Blätter reagieren mit Welkesymptomen und können bei mehrfachen Einstichen sogar absterben. An den Blättern werden zuerst punktuelle, mit zunehmendem Blattwachstum unregelmäßige hellgrüne Flecken zwischen den Blattadern sichtbar. So geschädigte Blattbereiche können vertrocknen und brechen später ganz heraus, so dass die Blattspreite unregelmäßig durchlöchert erscheint.

Zusätzlich erscheinen Verkrümmungen und pickelige Erhöhungen auf den Blättern. Auch Früchte mit Einstichen weisen Verkrüppelungen und Fehlwuchs auf. Bei Paprika und Tomate werden neben den Früchten auch Fruchtstiele angestochen, wodurch helle Gewebeschwellungen, die später aufplatzen, entstehen. Die Einstichstellen an Früchten verkorken häufig und angrenzendes Gewebe kann eine unangenehm feste Textur aufweisen, die zusätzlich verbraunen kann. In der Folge ist das Gemüse unverkäuflich. Diese Gewebeveränderungen werden durch ein toxisches Speichelsekret, dass die Wanzen beim Einstich absondern, verursacht. Daraufhin stirbt die Pflanzenzelle, in welche die Wanze direkt gestochen hat, gemeinsam mit ihren Nachbarzellen ab.
In Brandenburg ist die Gemeine Wiesenwanze (Lygus pratensis) sehr verbreitet. Sie gehört zur Familie der Weichwanzen (Miridae) und hat eine Größe von 6 bis 7,5 mm.  Sie ist durch eine variable Färbung, die von grün-braun, grau bis rötlich reicht, gekennzeichnet. Auf dem Rücken trägt die Art ein charakteristisches, hellgrünes Schildchen in Form eines nach oben geöffneten "V". Die Gemeine Wiesenwanze besiedelt vor allem warme, offene und halbschattige Lebensräume und bevorzugt die Krautschicht von wildkrautreichen Brachen, Ruderalflächen und Äckern. Zuweilen lebt sie auch an schattigen, feuchten Waldstandorten, seltener ist sie auf Laubgehölzen zu finden. Die erwachsenen Tiere überwintern an geschützten Orten wie Rindenritzen, Streu, Grashorsten oder hinter loser Baumborke. Ende Mai beginnen sie mit der Saugtätigkeit und legen ihre Eier in geschlossene Blüten, andere Pflanzenteile oder Früchte. Die Erwachsenen (Imagines) können sehr gut, auch über weite Strecken fliegen. Die anfangs rundlichen und hellen Larven leben gesellig. In den späteren Larvenstadien sind sie dunkler grün gefärbt und stark rundlich. Die Entwicklung der Larven verläuft sehr schnell, im Juli ist die neue Generation schon ausgewachsen. In warmen Gegenden und günstigen Jahren wird eine weitere Generation ausgebildet. Die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina L.), die zur Familie der Baumwanzen gehört, trat 2016 in Brandenburg in einem Gewächshaus an Tomate auf. Diese Art ist mit 12 bis 13,5 mm deutlich größer und hat einen breiten, abgeflachten Körper. Je nach Jahreszeit verändert die Art ihre Färbung. So erscheint sie im Frühjahr bis in den Herbst mit grüner Grundfarbe mit
dunkler Punktierung und wechselt im Herbst zu rotbraun. Die Grüne Stinkwanze besiedelt vorwiegend die Laubgehölze vieler trockener bis feuchter Lebensräume aber auch die Krautschicht. Die erwachsenen Tiere überwintern an trockenen und geschützten Stellen. Ab Mai sind sie an den Nahrungspflanzen zu finden. Hauptsächlich im Zeitraum von Mai und Juni findet die Paarung statt. Die Eier werden von den Weibchen in rundlichen Gelegen irgendwo an die Nahrungs-pflanzen angeklebt. Ab Ende Juli und insbesondere im August treten die Tiere der neuen Generation auf. Pro Jahr tritt eine Generation auf. 


Aus angrenzenden Bundesländern und der Schweiz wird verstärktes Auftreten mit zum Teil erheblichen Schädigungen durch weitere Wanzenarten, wie der Behaarten Wiesenwanze (Lygus rugulipennis), der ursprünglich im asiatischen Raum beheimateten Grünen Reiswanze (Nezara viridula) und der Marmorierten Baumwanze (Halyomorpha halys), berichtet. Erste Exemplare der Marmorierten Baumwanze wurden bereits durch ein Monitoring des JKI im Stadtgebiet von Potsdam nachgewiesen. 
Als Wirtspflanzen werden u.a. Tomate, Gurke, Paprika, Aubergine, Sellerie, Fenchel und Brokkoli angegeben. Regulierungsstrategien: Als vorbeugende Maßnahme sollte besondere Aufmerksamkeit und Kontrolle auf beginnende Einwanderung aus Saumbiotopen bzw. befallenen Vorjahresbeständen gerichtet werden. Zur Förderung eines zügigen Wachstums sollten optimale Bedingungen für die Kulturpflanze geschaffen werden. Die Auflage von Kulturschutznetzen
auf befallsfreien Flächen als mechanische Barriere ist sinnvoll. Die Maschenweite sollte 1-1,5mm betragen. Bei Gewächshausanlagen sollte die Unkrautkontrolle außerhalb der Häuser rechtzeitig und regelmäßig erfolgen, da Wanzen aus den angrenzenden Seitenstreifen und verunkrauteten Flächen zwischen Gewächshäusern einwandern. Natürlich ist auch auf strikte Unkrautkontrolle innerhalb der Häuser zu achten. Bei neueren Gewächshäusern kann der Einbau von Insekten-schutznetzten an den „Einfallsstellen“, wie Lüftungsöffnungen oder Zugängen geprüft werden. Da der Einbau sehr kostenintensiv ist sollte bereits im Vorfeld abgewägt werden, ob die Investition lohnend ist. Der Einsatz von Pheromon- oder Blaulichtfallen ist nur bei geringem Ausgangspotential des Schaderregers zu empfehlen, da sich diese Methoden nicht zum Massenfang eignen.

Derzeit ist eine Bekämpfungsmöglichkeit, welche die Attract & Kill Methode nutzt, mit verkapseltem Pflanzenschutzmittel und Lockstoff in der Entwicklung. Dabei hat der Pflanzenschutzdienst Brandenburg an einem Testlauf in mehreren Praxisbetrieben und unterschiedlichen Kulturen in 2018 mitgewirkt. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass der Lockstoff zu rasch freigesetzt wird, wodurch die Zeitspanne der Fängigkeit zu kurz ist. Eine modifizierte Formulierung zu entwickeln ist Ziel weiterer Arbeit.
Auch die Erprobung von Nützlingen ist noch nicht abgeschlossen, dabei sind vor allem Schlupfwespen als Eiparasitoiden z.B. Trissolcus japonicus oder T. basalis verschiedener Wanzenarten erfolgversprechend. 8 Anzumerken ist, dass aufgrund der Fluchtmöglichkeiten im Freiland ein Nützlingseinsatz deutlich schwieriger umzusetzen ist als im GWH.

Vorausgesetzt aufgelegte Kulturschutznetze werden sorgfältig seitlich abgedichtet, kann der Nützlingseinsatz auch im Freiland gelingen. Die chemische Regulierung von Wanzen gestaltet sich aufgrund der Lebensweise und Biologie der meisten schädigenden Arten schwierig. Längere Zuflugphasen und hohe
Mobilität der Tiere erfordern in Befallslagen in der Regel mehrmalige Maßnahmen. Mit einer ausgewiesenen bzw. zu erwartenden Nebenwirkung stehen für verschiedene Kulturgruppen im Gemüsebau folgende Pflanzenschutzmittel zur Verfügung: aus der Gruppe der Pyrethroide- lambda- Cyhalothrin (Karate Zeon), Pyrethroid + Rapsöl- (Spruzit Schädlingsfrei), Neonicotinoide- Acetamiprid (Mospilan SG, Danjiri) und Thiacloprid (Calypso) [Aufbrauchsfrist 03.02.21], Kaliseife (Neudosan Neu). Da Kaliseife nur gegen weichhäutige Insekten wirkt, ist der Einsatz nur gegen die Nymphenstadien aussichtsreich.
Die Anwendungen sollten im Abstand von 7 Tagen wiederholt werden, wenn bei der Bestandesüberwachung weitere Individuen gefunden werden. Um eine lange Feuchtedauer auf den zu bekämpfenden Stadien zu erreichen, sollte mit reichlich Spritzbrühe gearbeitet werden und die Applikation in den Abendstunden erfolgen. Bei Anwendung von Pyrethroiden ist die Wirkungsreduzierung bei sommerlichen Temperaturen über 20°C zu berücksichtigen.

Ausblick: Mit der zu erwartenden Klimaänderung, die zu einer insgesamt verlängerten trocken-warmen Sommerperiode und damit günstigen Entwicklungsbedingungen für Wanzen führen wird, muss mit der Zunahme von Schädigungen durch diese Insektenordnung an Kulturpflanzen gerechnet werden. Auch das Artenspektrum wird sich durch die weiterhin zuwandernden Arten verschieben. Um dem Problem zu begegnen, müssen alle verfügbaren Bausteine zur Befallsvorbeugung und ggf. notwendige Maßnahmen zur Befallsregulierung ergriffen und evtl. angepasst werden.

Claudia Wendt, LELF Pflanzenschutzdienst